Was wurde mir geschenkt?

Reich beschenkt.

Anfang März Sitzung in Hamburg. Da schon das Zögern bei der Begrüßung „Sollen wir uns umarmen“? Zwei Tage später im ICE nach München und die bange Frage: „Komme ich zu spät? Sehe ich ihn noch einmal?“ Keine Corona-Erkrankung, dennoch lebensgefährlich. Die Ärzte auf der Intensivstation geben ihm keine Chance. Aber er steht auf – wie Lazarus, denke ich – Leben wird geschenkt. Nächte auf der Station durchwacht – geschenkte Zeit von verständnisvollen Ärzten und fürsorglichem Pflegepersonal.

Das Krankenhaus bereitet sich auf die Corona-Pandemie vor – am Neujahrstag zurück in der eigenen Wohnung – ich ziehe bei ihm ein. Home office und W-Lan machen es möglich.

Geschenke des Fortschritts.

Täglich neue Hiobsbotschaften aus allen Teilen der Welt – und die Ungewissheit, ob es den Lieben gut geht, wie sie diese Krisenzeiten überstehen.  Auch das ein Geschenk, die Telefonate, die beruhigen, denn meine große, weit verstreute Familie kann in gesicherten Verhältnissen leben.

Zu niemandem gehen, Kontakte reduzieren, die Mutter pflegen, für ihn sorgen, Leben sichern – wie soll ich das nur schaffen, frage ich mich. Und ich höre auf, an die Zukunft zu denken und mir Gedanken zu machen um das, was ich nicht ändern kann. Gottvertrauen ist ein großes Wort – und doch ist es genau das, was mir jetzt Halt gibt und Gelassenheit in dieser unübersichtlichen Zeit. Aber alleine ist das alles nicht zu schaffen. Und das muss ich auch nicht, merke ich, denn ich werde reich beschenkt.

Die Geschwister, die zusammenhalten.

Der Chef, der die persönliche Lebenslage in seinen Entscheidungen berücksichtigt. Freunde die kurz vorbeikommen und an der Haustür Töpfe mit Essen abstellen. Freundschaften die stabil bleiben, obwohl man sich monatelang nicht sieht.  Tomaten und Gurken auf dem Balkon. Die Ärztin, die Hausbesuche macht. Und jeder Krankenhausaufenthalt, der mit einer Entlassung endet. Nichts ist mehr selbstverständlich für mich. Es sind diese Geschenke von Menschen, die es mir erlauben, seine ihm geschenkte Lebenszeit mit ihm zu teilen.

Marina Khanide, Beauftragte für Vielfalt und interkulturelle Bildung in Josefstal

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