Schon mürbe?

An allen Ecken taucht es derzeit auf: Ein Gefühl, bzw. ein Geisteszustand, der sich schon lange anbahnt, und in den letzten Wochen immer mehr durch den Teppich des alltäglichen Funktionierens bricht. Schüler*innen, die nicht mehr wissen, welcher Wochentag ist, wo der Link zur Konferenz abgeblieben oder ob doch Präsenzunterricht angesagt ist. Arbeitnehmer*innen, die mit abnehmendem Energiestand müde und mühsam Tasklisten abhaken oder ihrer Selbstwirksamkeit beraubt darauf harren, dass die Kurzarbeit endlich ein Ende hat. Teamleitungen, die nicht länger Motivation oder Positivität ausstrahlen können, weil sie selbst langsam kein Land mehr sehen. Politiker*innen, die manchmal so aussehen, als würden sie gerne bei nächster Gelegenheit das Handtuch werfen und trotzig „Macht Euren Sch*** doch alleine!“ rufen.

Corona-Mürbheit

oder auch: „Ich bin einfach durch. Ich kann mich zu nichts mehr aufraffen.“ Das können wir nicht webzaubern. Aber drei Punkte können uns helfen, sowohl in Leitungsverantwortung als auch in der Rolle als Teamplayer besser damit umzugehen.

  1. Normalisierung
  2. Wissen, was passiert
  3. Gezielt intervenieren

Normalisierung

Dieses Gefühl ist normal. Vergleicht man Berichte aus früheren Pandemien, sind exakt die gleichen Reaktionen beschrieben, wie wir sie nun am eigenen Leib erleiden. Es geht uns allen so. Mehr oder weniger. Das zu hören und anzunehmen kann uns schon mal von einem gehörigen Stück Druck befreien. Es ist normal, dass all die Unsicherheiten, Beschränkungen und Herausforderungen uns nicht unangetastet lassen, dass sie an unseren Nerven zehren und uns Energie rauben. Natürlich gibt es Menschen, die mit Krisen tendenziell leichter klarkommen als andere, aber auch diese beneidenswerten Exemplare erleben Einschränkungen in ihrer Autonomie, Mehrfachbelastungen, etc. Besonders in Leitungsfunktionen ist es jetzt wichtig, das nicht nur still für sich zu akzeptieren, sondern auch an die Menschen zu kommunizieren, mit denen wir arbeiten. Solidarität erleichtert das Durchhalten. Absolut kontrainduziert sind jetzt Verhaltensweisen wie Kontrolle, Druck, Leistungsbewertungen. Warum? Darum:

Wissen, was passiert

Wir geben unser Bestes – das passiert gerade. Unser Gehirn und unser Nervensystem reagieren auf Herausforderungen, indem sie uns hormonell pushen. Noradrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, die den Körper auf Leistung bringen. Herzschlag rauf, Verdauungssystem runter, Reaktionsschnelligkeit rauf, Libido aus, Gefahrensensor rauf, Muskeln anspannen, bereit sein für “fight oder flight”. Das war früher ziemlich hilfreich, um dem Säbelzahntiger zu entkommen. Und auch heute ist das eine tolle Sache, wenn wir aus der Luft das Toastbrot noch vor dem Aufprall erwischen wollen. Problematisch wird es nur, wenn aus der kurzfristigen Herausforderung eine Dauerbelastung wird: Ist der Arbeitsplatz sicher? Kann die Miete gezahlt, das Haus gehalten werden? Wie steht es um die eigene Gesundheit? Kurz gesagt: So eine Pandemie sorgt sehr zielsicher dafür, dass der Cortisolspiegel in unserem Blut dauerhaft erhöht wird. Unser Körper schaltet in den Sympathikusmodus, d.h. er ist auf Permanentleistung eingestellt, kann sie aber halt nicht durchgehend bringen. Die Energiereserven der Zellen werden durch den dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel kontinuierlich geleert. Die Folge sind zahlreiche Erschöpfungserscheinungen bis hin zum tatsächlichen Abbau neuronaler Verbindungen: Schlaflosigkeit, Verspannungen, Konzentrations- und Motivationsschwäche, Vergesslichkeit bis hin zu den klassischen psychosomatischen Erkrankungen. Nicht schön, aber – siehe 1. – derzeit total normal.

Gezielt intervenieren

Wenn das Resultat geleerter Energiespeicher in den Zellen ist, gibt es zwei tolle Lösungsansätze. Erstens: Schluss mit der Dauerbelastung. Ich glaube, das fänden wir alle ziemlich klasse, ist aber leider nicht Teil unserer Handlungsoptionen. Zweitens: Die Energie puffern. Gezielt dafür Sorge tragen, dass unsere Energiespeicher wenigstens wieder etwas Luft holen können. Dazu müssen wir in unserem Hirn neurotrophe Bedingungen schaffen – also Bedingungen, die zum Erhalt neuronaler Verbindungen und zum Abbau von Cortisol beitragen. Die Vorgehensweisen diesbezüglich sind gut untersucht. Die meisten Dinge zielen auf eine Aktivierung des parasympathischen Nervensystems ab. Wir müssen es nur umsetzen:

  • „Komm in die Gänge!“ Auch wenn Du es jetzt im Schlaf kannst: Es muss vielleicht nicht immer eine Webkonferenz sein. Versuche, gezielt Gespräche mit einem Spaziergang zu verbinden. Viele Zweiergespräche kannst Du gut und viel konzentrierter führen, wenn Du dabei durch den nahegelegenen Park, über Felder & Wiesen schlenderst. Bewegung an der frischen Luft und in der Natur beeinflusst zugleich das Motivationszentrum im Gehirn. Such dir also gezielt Dinge, die Du auch im Gehen oder zumindest im Stehen erledigen kannst: Listen erstellen, Konzepte entwickeln, Podcasts hören, mit Kolleg*innen im Austausch sein und dann raus!

 

  • „Runterfahren“ = Achtsamkeitsübungen. Mehrere Studien zeigen deutlich, dass achtsamkeitsbasierte Meditation nicht nur das Stressempfinden signifikant senkt, sondern darüber hinaus unsere Fähigkeit steigert, in komplexen Kontexten tragfähige Entscheidungen zu treffen. Das kann in der christlicher Tradition in der Kontemplation des Herzensgebetes ebenso geschehen wie bei achtsamer Yogapraxis oder gezielten Atemübungen.

 

  • „Abschalten“ = Schlaf. Besondere Zeiten, besondere Maßnahmen: Mittags für 20 Minuten die Füße hochlegen und abends früh ins Bett. Wir wissen alle, dass das gut wäre. Ist es wirklich. Es hilft zusammen mit gesunder Ernährung unserem Gehirn zu regenerieren und sorgt dafür, dass mitgenommene neuronale Netze repariert werden können. Also gute Träume!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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